Es war ein ungewöhnlicher Weg zu einem Vorstellungsgespräch. Am Tag des Bewerbungsverfahrens war Birgit Decker im Park unterwegs und wartete auf ihren Termin, als sie von einem Hochzeitsauto angefahren wurde und zu Boden fiel. „Die wollten heiraten gehen“, erzählt sie heute mit einem Schmunzeln. „Ich habe gesagt: Geht heiraten, alles gut.“
So kam sie schließlich zum Vorstellungsgespräch: mit verrissener Hose, kaputtem Schuh und ein bisschen blutig. „Ich überließ es dem lieben Gott, zu entscheiden, ob es sein sollte.“
Es sollte sein. Am 1. September jährt sich ihr erster Arbeitstag im Psychiatrischen Zentrum Nordbaden zum 15. Mal. 15 Jahre, in denen aus einer beruflichen Entscheidung eine Lebensgeschichte geworden ist. „Das war die Stelle meines Lebens“, resümiert Decker.
Dabei begann ihr beruflicher Weg lange vor der Klinikseelsorge. Nach ihrem Abitur 1982 absolvierte Birgit Decker zunächst ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Kindergarten in Waghäusel. Von 1984 bis 1987 absolvierte sie eine Ausbildung zur Erzieherin, wurde später Gruppenleiterin und schließlich fünf Jahre Kindergartenleiterin.
Doch damit nicht genug. Von 1993 bis 1997 studierte sie Religionspädagogik an der Katholischen Fachhochschule Freiburg und schloss als Diplom-Religionspädagogin ab. Es folgten die Assistenzzeit und die Tätigkeit als Gemeindereferentin in Oberhausen und Rheinhausen. Von 2004 bis 2011 arbeitete sie als Gemeindereferentin in der Seelsorgeeinheit Philippsburg, mit Schwerpunkten im Beerdigungsdienst und in der Trauerpastoral sowie in der Kinder- und Jugendarbeit.
Parallel entwickelte sie sich fachlich weiter: Gesprächsführung, seelsorgliche Begleitung und pastorale Gruppenarbeit gehörten ebenso zu ihren Weiterbildungen wie die Ausbildung zur Supervisorin und Organisationsberaterin sowie zur traumasensiblen Seelsorgerin.
Was sie in den vergangenen 15 Jahren erlebt hat, lässt sich kaum in wenigen Geschichten erzählen. Es sind Begegnungen mit Menschen, die krank sind, Ängste haben, traumatische Erfahrungen gemacht haben oder mit ihrer eigenen Lebensgeschichte ringen. Und es sind Begegnungen, in denen auch sie selbst immer wieder etwas gelernt hat. Vor allem aber habe sie eine tiefe Dankbarkeit entwickelt. Wenn sie Menschen begegnet, die schwere Lasten tragen müssen, werde ihr bewusst, wie wenig selbstverständlich das eigene Leben ist. Dass sie in einer bestimmten Familie, in einem bestimmten Land geboren wurde, habe sie sich nicht selbst ausgesucht. „Das ist ein reines Geschenk.“ Seit ihrer Zeit in der Klinik empfinde sie das noch viel stärker. Und das alles habe auch ihren Blick auf den Menschen verändert. Gefragt nach einer zentralen Erkenntnis ihrer 15 Jahre im PZN muss Decker nicht lange überlegen. Es ist ihre persönliche Antwort auf die Frage: Wie schafft Gott es, alle Menschen zu lieben? „Jeder Mensch ist so, wie er ist, weil er eine Geschichte hat. Eine Geschichte, die er sich nicht immer selbst ausgesucht hat und die er nicht vollständig in der Hand hat. Es gibt immer eine Geschichte dazu und die muss gehört und mitgedacht werden.“
Das gilt für sie auch für Menschen, die schwere Straftaten begangen haben. Die Tat bleibe furchtbar und schrecklich. Aber der Mensch dahinter bleibe ein Mensch. Gerade in der Psychiatrie müsse man deshalb auch fragen: Was ist diesem Menschen passiert? Welche Geschichte steht hinter seinem Verhalten? Diese Haltung bedeutet für sie nicht, Taten zu entschuldigen. Sie bedeutet aber, den Menschen nicht auf seine Tat zu reduzieren.
In all diesen Jahren waren es nicht nur die Patienten, die ihre Arbeit geprägt haben. Auch das Team ist für sie ein Geschenk. Mit ihren Kolleg*innen der Seelsorge habe sie erlebt, wie bereichernd Unterschiedlichkeit sein kann. Menschen mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten und Zugängen arbeiten gemeinsam für die Patient*innen. „Wir können richtig streiten miteinander“, erzählt sie. „Aber eben auf der Sachebene. Und danach geht man gemeinsam zum Essen ins Casino.“
Und dann gibt es noch Lissi, ihre Seelsorge-Hündin. Mit ihrem Geschirr „Assistenz der Seelsorge“ wurde die Hündin selbst zu einer kleinen Türöffnerin. Menschen, die eigentlich gar nicht mit der Seelsorgerin sprechen wollten, kamen über das Tier ins Gespräch. „Die hat auch schon Leute zum Sprechen gebracht, die von mir gar nichts wollten.“ Nun geht auch Lissi mit in den Ruhestand.
Überhaupt bedeutet der Abschied für Birgit Decker nicht nur, eine Arbeitsstelle zu verlassen. Sie lässt Beziehungen zurück, die über viele Jahre gewachsen sind: Patienten, die sie teilweise seit zehn oder 15 Jahren kennt, Kolleginnen und Kollegen, Ehrenamtliche. „Das loszulassen ist auch das, was mir weh tun wird.“
Gleichzeitig weiß sie, dass ihr Leben nicht aufhört, wenn die Zeit im PZN endet. Ihre Wurzeln liegen in Waghäusel-Wiesental. Dort hat sie ihr Elternhaus übernommen und ist im Kirchenchor aktiv. Dort ist sie nicht Frau Decker, sondern Birgit. Sie genießt die Nachbarschaft, die Gemeinschaft und die langen Freundschaften.
Am 1. September beginnt für ihre Nachfolgerin Sandra Maria Ochs die Arbeit. Birgit Decker wird eine ausführliche Übergabe machen.
Der Beginn eines neuen Abschnitts. Und vielleicht ist es am Ende wieder eine Frage des Vertrauens. So wie damals, an jenem ungewöhnlichen Tag im Park des PZN, als ein Hochzeitsauto sie auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch erwischte und sie mit zerrissener Hose, kaputtem Schuh und blutigen Blessuren zum Gespräch erschien. „Jetzt muss der liebe Gott entscheiden“, hatte sie damals gedacht. 15 Jahre später blickt sie zurück und sagt: Es hat sich alles gefügt.

